Wo stehen Sie gerade?
Warum man die eigene Erschöpfung zuletzt sieht

Thomas hat den Faden im Kundengespräch verloren. Mitten im Satz. Er hat sich gefangen, weitergesprochen, das Meeting beendet. Niemand hat etwas gemerkt.

Etwas in ihm schon. Auf dem Heimweg dachte er kurz, das war komisch. Er konnte es nicht greifen. Es war ja nichts passiert. Der Kunde war zufrieden, der Abschluss stand. Am nächsten Morgen war der Gedanke weg.

Dann wurden die Momente mehr. Eine Mail, die er dreimal anfangen musste. Ein Name, der ihm zu lange nicht einfiel. Ein Abend, an dem er nicht wusste, was er den ganzen Tag eigentlich gemacht hatte, obwohl der Kalender voll war.

Keine Krise. Nur Momente, aber Momente, die sich häuften.

Als er bei mir saß, sagte er den Satz, den ich aus vielen Coachings kenne. „Eigentlich läuft alles. Ich weiß nicht, warum ich hier bin."

Dabei war er aus genau dem richtigen Grund da.

Thomas ist einer der sieben Fälle in meinem Buch Leistung ohne Verschleiß. Was ihn typisch macht, ist banal. Er hat funktioniert. Er hat geliefert. Die Symptome waren leise. Und er hat sich selbst zuletzt eingeschätzt.

Kein Einzelfall, ein häufiges Muster.

Selbstwahrnehmung ist unter Stress unzuverlässig

Wer seit Jahren auf einem bestimmten Belastungsniveau läuft, hält dieses Niveau für normal. Nicht weil er sich täuscht, sondern weil ihm der Vergleich fehlt. Der Körper hat sich angepasst. Der Kopf hat gelernt, Signale wegzudefinieren. Und die Umgebung sieht jemanden, der noch liefert, also fragt sie nicht.

So bleibt Erschöpfung über Jahre unsichtbar. Das ist keine Verdrängung im psychologischen Sinn. Das ist Anpassung an einen Zustand, der irgendwann normal aussieht, obwohl er es nicht ist.

Sabine Sonnentag, Arbeitspsychologin an der Universität Mannheim, hat über Jahre nachgewiesen, dass Menschen ihre eigene Erholungsfähigkeit systematisch überschätzen. Was sie für Abschalten halten, ist meistens nur körperliche Abwesenheit von der Arbeit. Was sie für Schlaf halten, ist oft fragmentiert. Je länger jemand auf Reserve läuft, desto größer wird der Abstand zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlichem Zustand.

Anders gesagt: Je nötiger ein klarer Blick wäre, desto unzuverlässiger ist er.

Deshalb hilft eine Standortbestimmung von außen. Etwas, das nicht aus dem eigenen Kopf kommt. Wer wissen will, wo er steht, findet am Ende dieses Artikels einen Selbstcheck. Wer erst weiterlesen will, liest weiter. Wer wissen will, worauf bei einem guten Selbsttest zu achten ist, findet das in einem eigenen Artikel.

Drei Signale, die übersehen werden

Drei Signale sehe ich fast immer, bevor jemand zu mir kommt. Sie werden fast nie als das gelesen, was sie sind.

Der Abend nach dem Erfolg fühlt sich leer an. Nicht müde im guten Sinn. Leer. Wer einen großen Abschluss hinter sich hat und keine Freude mehr spürt, dem fehlt nicht die Disziplin zum Feiern. Da fehlt etwas Tieferes. Das Belohnungssystem läuft nicht mehr mit. Ein körperliches Phänomen, kein Stimmungstief.

Entscheidungen werden zögerlicher. Nicht weil die Lage unklarer wird. Sondern weil die innere Sicherheit von früher dünner geworden ist. Führungskräfte beschreiben das gern als „ich denke länger nach als sonst". Klingt vernünftig. Ist aber oft das erste Anzeichen, dass die kognitive Belastbarkeit nachlässt.

Menschen im Umfeld werden stiller. Nicht im Streit. Sondern in einer Art, die schwer zu greifen ist. Der Partner sagt weniger. Das Team fragt seltener. Die Kollegin, die früher beiläufig nachhakte, lässt es. Wer auf Reserve läuft, sendet Signale, die das Umfeld registriert. Meistens beantwortet es sie mit weniger Nähe. Wer das bemerkt, ist schon einen Schritt weiter als die meisten.

Mehr zu den Frühzeichen aus der Innenperspektive einer Führungskraft steht in „7 Burnout-Frühzeichen bei Führungskräften erkennen"

Fünf Ebenen, nicht eine

Erschöpfung entsteht selten an einer Stelle. Sie entsteht im Zusammenspiel. Deshalb arbeite ich mit fünf Ebenen, die zusammen über Leistungsfähigkeit entscheiden. Das ist die HERO-Methode.

Ebene 1 ist die Persönlichkeit und die inneren Antreiber. Was treibt jemanden an, welches Programm läuft im Hintergrund? Wer einen starken Antreiber „Sei stark" oder „Sei perfekt" mitbringt, hat selten eine Pausetaste, die wirklich funktioniert. Taibi Kahler hat diese Muster in der Transaktionsanalyse beschrieben. Sie sitzen so tief, dass sie sich wie Charakter anfühlen.

Ebene 2 ist Arbeit und Organisationskontext. Erschöpfung ist kein rein individuelles Thema. Sie entsteht in Systemen, die mehr fordern als sie zurückgeben. Johannes Siegrist nennt das die Effort-Reward-Imbalance. Wer dauerhaft mehr einbringt als er bekommt, an Anerkennung, Spielraum, Sicherheit, der zahlt das körperlich. Was nachlassende Leistungsfähigkeit von Führungskräften betriebswirtschaftlich bedeutet, habe ich an anderer Stelle ausgeführt

Ebene 3 ist die innere Haltung, das Bewertungsmuster. Nicht die Situation entscheidet, ob Stress entsteht, sondern wie wir sie bewerten. Richard Lazarus hat dazu die Grundlagenforschung gemacht. Jede Anforderung wird in Sekundenbruchteilen eingeschätzt. Bedrohung oder Herausforderung. Schaffbar oder zu viel. Wer diese Einschätzungen jahrelang eingeschliffen hat, läuft auf Autopilot.

Ebene 4 ist Erholung. Schlaf, Abschalten, körperliche Wiederherstellung. Die Ebene, die am ehesten vernachlässigt wird und am dringendsten gebraucht.

Ebene 5 sind die sozialen Beziehungen. Wer in echten Verbindungen lebt, trägt Belastung anders als jemand, der das alleine versucht. Das ist keine Wellness-Aussage. Das ist gut belegt.

Wer nur an einer Stelle schaut, übersieht das Zusammenspiel. Wer alle Ebenen im Blick hat, kommt der Wahrheit über die eigene Leistungsfähigkeit näher als jeder einzelne Indikator.

Drei Fragen für heute

Sie brauchen keinen Test, um anzufangen. Drei Fragen reichen.

Was machen Sie nach Feierabend wirklich? Nicht was geplant ist. Was tatsächlich passiert. Wenn die Antwort lautet, dasselbe wie tagsüber, nur woanders, dann läuft Ihre Erholung niedriger als Sie denken.

Wann haben Sie zuletzt etwas getan, das nur Ihnen gehört? Nicht der Familie, nicht dem Job, nicht dem Team. Etwas, bei dem niemand Ansprüche hat. Wenn die Antwort lange zurückliegt, ist das ein Signal.

Wer in Ihrem Umfeld fragt nicht nach dem Projekt, sondern nach Ihnen? Wer fragt, ohne dass er etwas wissen will, sondern weil er Sie meint. Wenn da niemand mehr ist, ist Ebene 5 dünn geworden.

Wenn die Antworten unbequem sind, ist das ein guter Anfang. Es ist die Phase, in der noch Handlungsoptionen bestehen. Und es ist die Phase, in der ein strukturierter Selbstcheck am meisten leistet.

Wann der Selbstcheck sinnvoll ist

Drei Fragen geben einen ersten Eindruck. Eine systematische Standortbestimmung ersetzen sie nicht. Wer wissen will, wo er auf allen fünf Ebenen steht, braucht mehr als Bauchgefühl.

Dafür gibt es den HERO-Selbstcheck. Vierzig Fragen über die fünf Ebenen, zehn Minuten Zeit, eine persönliche Auswertung von mir. Kein automatisierter PDF-Ausdruck, sondern ein Profil, das ich anschaue und einordne. Inklusive der Antwort darauf, welcher nächste Schritt sich aus Ihrer Situation ableitet, falls überhaupt einer.

Den Selbstcheck finden Sie auf jo-vitality.de/selbstcheck.

Thomas hat den Faden im Kundengespräch verloren, bevor er gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Das muss nicht der Moment sein, an dem Sie es merken.
Autor: Jens Olberding Systemischer Coach & Therapeut, spezialisiert auf Burnout-Prävention und dauerhafte Leistungsfähigkeit für Führungskräfte im Mittelstand. Gründer von jo-vitality.
Neue Artikel und Podcast-Episoden - direkt in Ihr Postfach.
Selten. Aber dann mit Substanz.
Ihre Daten werden ausschließlich für den Versand neuer Artikel und Podcast-Episoden genutzt.
Keine Weitergabe, kein Spam. Datenschutzerklärung