Leseprobe
Leistung ohne Verschleiß
Ralf war nicht schwierig.

Das war der erste Satz, den ich nach unserem Kennenlernen dachte. Der Auftrag war ein anderer gewesen: „Der ist eigentlich ein Guter, bekommt aber wenig umgesetzt und im Team halten ihn alle für schwierig. Mach was, oder wir müssen uns trennen."

Ich erinnere mich an das erste Gespräch. Ralf saß mir gegenüber, ordentlich gekleidet, sprach höflich, wollte kooperieren. Aber irgendetwas stimmte nicht. Die Sätze verloren sich. Eine Frage beantwortete er, dann schaute er aus dem Fenster, als hätte er vergessen, dass ich noch da bin. Er wirkte nicht schwierig. Er wirkte abwesend. Als wäre jemand anderes in diesem Raum, jemand der nur so aussieht wie Ralf.

Ich spürte, da stimmt etwas nicht. Und es hat nichts mit „der ist irgendwie schwierig" zu tun.

Ralf steckte tief in einem Burnout. Er brauchte keine Coaching-Intervention. Er brauchte medizinische Hilfe. Es kam, wie es kommen musste. Einige Zeit später hörte ich, dass Ralf in einer Fachklinik lag.

Dieser Fall ist über fünfzehn Jahre her. Er hat meine Arbeit verändert. Nicht weil er besonders auffällig war, sondern weil er so gar nicht auffällig war. Was das Unternehmen sah: einen Leistungsträger, der schwächelt. Was dahintersteckte: ein Mensch, der längst nicht mehr konnte, was alle von ihm erwarteten. Und der es selbst auch nicht mehr wusste.

Burnout hat in solchen Fällen offiziell nie jemand. Erschöpft sind aber alle.
Die Fassade
Thomas betritt das Büro mit der Haltung eines Mannes, der es gewohnt ist, Präsenz zu zeigen. Er kommt nicht für sich. Er kommt, weil seine Zahlen nicht mehr stimmen. Weil Abschlüsse, die früher wie selbstverständlich kamen, jetzt Kraft kosten. Weil er letzte Woche in einem Kundengespräch einen Moment hatte, in dem der Faden kurz riss. Kaum merklich, niemand hat es bemerkt außer ihm. Aber er hat es bemerkt. Und das lässt ihn nicht los.

Thomas ist 44. Vertriebsleiter in einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen. Gut gekleidet, nicht auffällig gut, eher korrekt gut. Das Hemd sitzt. Die Uhr ist dezent, teuer ohne es zu zeigen. Er gibt die Hand mit der richtigen Festigkeit. Alles an ihm ist kalibriert. Das ist kein Zufall.

Thomas kommt zu mir, weil jemand in seinem Netzwerk meinen Namen erwähnt hat. Nicht weil er glaubt, ein Problem zu haben. Sondern weil er ein Phänomen nicht erklären kann. Das ist ein Unterschied, der für das weitere Gespräch wichtig ist.

Er setzt sich. Schaut mich kurz an, dann auf seine Hände, die ruhig aber angespannt auf den Oberschenkeln liegen. Sagt dann: „Ich funktioniere nicht mehr richtig."
Kurze Pause. „Das klingt komisch." Wieder eine Pause. „Aber so fühlt es sich an."

Ich sage nichts. Es braucht nichts.

Er erzählt mir von einem Termin vor einigen Wochen. Kein unwichtiger Kunde, ein Bestandskunde seit Jahren, großes Volumen, anspruchsvoll, aber berechenbar. Thomas kennt ihn gut, kennt seine Fragen, kennt die Einwände, bevor sie kommen. Solche Gespräche hat er hundertmal geführt. Hundertmal gut geführt.

Mitten im Gespräch stellte der Kunde eine technische Detailfrage. Die Art, die Thomas früher aus dem Stegreif beantwortet hätte, ohne Pause. Er wusste die Antwort. Er wusste, dass er sie wusste. Aber dieses Mal kam sie nicht heraus.

Er wartete eine Sekunde zu lange. Sagte dann etwas, das nicht falsch war, aber nicht präzise. Rettete das Gespräch, wie er es immer getan hatte. Professionell, geschmeidig, ohne dass jemand am Tisch etwas bemerkt hätte.

Am Ende wollte der Kunde noch einmal nachdenken. Würde sich melden, was klar bedeutete, dass es mit diesem Auftrag nichts werden würde.

Thomas ging nach dem Termin zu seinem Wagen. Er setzte sich, schloss die Tür, stellte den Motor nicht an.

Er saß einfach da.

Draußen Parkhaus-Lärm, irgendwo ein Motor, Türen, Schritte. Drinnen nichts. Er legte beide Hände aufs Lenkrad, schaute geradeaus auf die graue Betonwand.

Was er in diesem Moment fühlte, hatte keinen richtigen Namen. Kein Schmerz, keine Panik. Eher so etwas wie eine Stille, die sich falsch anfühlte. Als würde etwas fehlen, das vorhin noch da gewesen war.

Er kannte dieses Gefühl nicht. Druck kannte er. Müdigkeit auch. Den Moment nach einem guten Abschluss, wenn die Anspannung nachlässt und kurz Luft ist. Aber das hier war anders. Leerer.

Er saß lange.

Dann begann der Kopf wieder zu arbeiten, wie er es immer tat. Er analysierte die Situation. Die Frage des Kunden. Den Moment danach. Er kannte die Antwort, das war das Merkwürdige. Er hatte sie hundertmal gegeben. Und dann war sie einfach nicht da gewesen.

Er suchte nach dem Fehler. Wenn er den Fehler findet, kann er ihn abstellen.
Aber er fand ihn nicht.

Und irgendwo, ganz unten, unter der Analyse, war da etwas anderes. Leise, aber hartnäckig. Die Frage, ob das vielleicht kein Fehler war. Ob das vielleicht ein Zeichen war.

Er schob es weg. Startete den Motor. Fuhr nach Hause.

Abends schaute er noch einmal die Unterlagen durch. Alles war da, alles war richtig. Er hatte sich nichts vorzuwerfen.

Trotzdem schlief er schlecht.