Anwesend, aber nicht mehr da

Hundert Prozent Gehalt, achtzig Prozent Leistung

Mein erster Job im HR, frisch von der Uni. Der erste Satz, den ich hörte: "Hier ist ein Mitarbeiter, der hat Burnout. Kümmer dich mal drum." Das ist über zwanzig Jahre her. Was Burnout ist, wusste ich. Was ich tun sollte, nicht. Im Rückblick hat man mich das machen lassen, weil keiner sonst wusste, was zu tun ist. Lass mal den Neuen sich die Finger verbrennen.

Geändert hat sich seitdem weniger, als man denkt.

Wir behandeln Verschleiß wie einen Maschinenschaden. Etwas läuft, bis es kaputtgeht, dann kommt es zur Reparatur. Bei einer Anlage wäre das fahrlässig. Jeder Geschäftsführer weiß, wann seine Maschine gewartet werden muss, wann sie abgeschrieben ist, was ein Ausfall kostet. Beim eigenen Team weiß er das selten.

Warum ich nicht über Burnout rede

Wenn ich mit Führungskräften arbeite, fällt das Wort Burnout fast nie. Nicht aus Vorsicht, sondern weil es nichts bringt. Burnout will keiner haben, keiner lässt sich das attestieren, und niemand wird befördert, der gerade ausbrennt. Das ist auch logisch. Wer auf der aktuellen Ebene überlastet ist, schafft die nächste erst recht nicht.

Also rede ich über Leistungsfähigkeit. Wie bleibt jemand leistungsfähig, bevor es kippt. Dieselbe Sache von der anderen Seite betrachtet, aber bei der Frage hören die Leute zu. Leistung will jeder behalten.

Präsentismus, die teure Variante

Präsentismus kennen die meisten als den Kollegen, der mit Schnupfen ins Büro kommt und sich nicht so anstellen soll. Das ist die harmlose Form.
Die andere ist teurer. Eine Führungskraft läuft seit Jahren auf Verschleiß. Nicht krank, nicht ausgefallen, jeden Morgen am Schreibtisch. Nur nicht mehr ganz da. Rein kaufmännisch zahlst du hundert Prozent Gehalt und bekommst achtzig Prozent Leistung. Im Jahr drauf fünfundsiebzig. Niemand ist krankgeschrieben. Trotzdem fehlt etwas, und keiner kann genau sagen, was.

Es bleibt nicht bei einer Person

Das Schlimmere ist, dass es sich verteilt. Wer selbst unter Dauerdruck steht, führt anders. Mehr Kontrolle, weniger Luft. Die Stimmung kippt, es passieren mehr Fehler, die Leute werden unzufrieden. Einige machen nur noch Dienst nach Vorschrift, das ist die innere Kündigung. Andere kündigen richtig. Und es sind nicht die Schwächsten, die zuerst gehen. Es sind die Besten, weil die Optionen haben.

Wenn dir in einem Jahr drei gute Leute weglaufen, liegt das selten am tollen Arbeitsmarkt.

Worauf man früher schauen kann

Die Signale sind unspektakulär. Jemand schläft nicht mehr durch. Schaltet abends nicht ab, sitzt beim Abendessen und ist in Gedanken im nächsten Meeting. Ist nicht mehr so scharf im Kopf, die Antwort, die früher sofort da war, kommt nicht. Und das verräterischste Zeichen: die Erholung wird gestrichen. Schlaf, Freunde, freie Zeit, alles als Erstes geopfert, weil es ja angeblich unwichtig ist. Dabei ist genau das der größte Hebel, um leistungsfähig zu bleiben.

Wir reden uns das gern weg. Schlechter Tag, viel zu tun, wird nächste Woche besser. Wird es meistens nicht. Man hat sich nur an ein hohes Belastungsniveau gewöhnt und kennt kein normales Normal mehr.

Deshalb schaue ich nicht nur ins Gespräch, sondern auch auf Zahlen. Blutwerte, Herzratenvariabilität, Schlaf. Nicht um Krankheiten zu suchen, das macht der Arzt. Sondern um zu sehen, wie weit der Verschleiß schon geht, bevor der Kopf ihn zugibt. Oft steht da längst, was die betroffene Person noch wegerklärt.

Wer ausbrennt, sieht es meist selbst als Letzter

Das ist der eigentliche Punkt. Die Kollegen merken es, die Familie sowieso, nur der Mensch selbst hält den Ausnahmezustand für den Normalzustand.
Hinschauen kostet wenig. Wegschauen wird teuer. Die einzige Frage ist, wann man anfängt.

Ausführlicher habe ich darüber mit Uli Vogel im Werte-Impulse Podcast gesprochen. Die sieben Muster, wie Leistungsfähigkeit still verloren geht, stehen im Buch.
Autor: Jens Olberding Systemischer Coach & Therapeut, spezialisiert auf Burnout-Prävention und dauerhafte Leistungsfähigkeit für Führungskräfte im Mittelstand. Gründer von jo-vitality.
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