Sie hatte keine Beschwerden. Kein Burnout-Bild, keine Krankschreibung. Sie funktionierte.
Die HRV-Messung zeigte etwas anderes. Auch im Ruhezustand kein echter Leerlauf. Ihr Nervensystem kannte keinen Unterschied mehr zwischen Montag früh und Sonntag mittag.
Sie schaute auf die Ergebnisse. Lange. Dann: "Das erklärt einiges."
Sie hatte es gespürt. Schon lange. Aber ein Gefühl lässt sich wegschieben. Die Ergebnisse der HRV-Messung nicht.
Was HRV misst
Das Herz schlägt nicht wie ein Metronom. Zwischen zwei Herzschlägen liegt nie exakt dieselbe Zeit — sie variiert. Minimal, aber messbar. Genau diese Variation ist die Herzfrequenzvariabilität.
Eine hohe HRV bedeutet: Das Nervensystem ist flexibel. Es kann zwischen Anspannung und Erholung wechseln. Es reagiert auf Anforderungen — und kommt danach wieder runter.
Eine niedrige HRV bedeutet: Das Nervensystem ist starr. Es bleibt im Alarmmodus, auch wenn kein Alarm da ist. Auch im Ruhezustand. Auch im Urlaub.
Die Forschung belegt das seit Jahrzehnten: HRV gilt als einer der zuverlässigsten Indikatoren für den Zustand des autonomen Nervensystems und damit für die Erholungsfähigkeit unter chronischem Stress (Thayer et al., 2012).
Ausdauersportler nutzen HRV zur Trainingssteuerung — ist die HRV niedrig, kein hartes Training heute. Das Prinzip gilt genauso für Führungskräfte. Nur dass sie selten danach schauen.
Was die Apple Watch zeigt — und was nicht
Die Apple Watch misst HRV. Das ist gut. Aber sie liefert eine Zahl ohne Kontext, ohne Einordnung, ohne zu wissen was normal für diese Person wäre.
Eine klinische Messung im Ruhezustand ist etwas anderes. Eingebettet in ein Gesamtbild aus Stresshormonen, Entzündungsmarkern und Vitalstoff-Status sagt sie: Hier ist ein Körper, der seit längerer Zeit keine echte Erholung mehr kennt.
Das ist kein Verdacht. Das ist ein Befund.
Der BAuA-Stressreport 2022 zeigt: Führungskräfte berichten überdurchschnittlich häufig von Erschöpfung ohne ausreichende Erholung — ein Muster, das sich in niedrigen HRV-Werten messbar niederschlägt.
Zahlen brauchen Einordnung
Eine HRV-Messung zeigt was ist. Sie verändert nichts von allein. Was sie braucht ist jemanden der hilft zu verstehen, was der Wert für diese Person bedeutet — in dieser Lebensphase, mit diesem Muster, in dieser Rolle.
Erst dann wird aus einem Messwert eine Information, mit der jemand etwas anfangen kann. Die Frau aus dem Einstieg wusste, dass etwas nicht stimmt. Die Messung hat es greifbar gemacht. Hat ihr das gegeben, was ein Gespräch allein nicht geben kann: einen objektiven Befund, den man nicht wegdiskutieren kann.
Das ist der Punkt, an dem Diagnostik und Coaching zusammengehören. Nicht nacheinander. Zusammen.
Autor: Jens Olberding Systemischer Coach & Therapeut, spezialisiert auf Burnout-Prävention und nachhaltige Leistungsfähigkeit für Führungskräfte im Mittelstand. Gründer von jo-vitality. → Mehr über Jens Olberding Veröffentlicht: April 2026