Leistungsfähig bleiben

Markus. Der Performer

Podcast Markus

Erfolg nach außen, Leere innen – wenn Leistung zur Maske wird

Markus ist Ende 30. Er führt eine Online-Marketing-Agentur mit 35 Mitarbeitern, selbst aufgebaut in acht Jahren von null auf heute. Wer seinen LinkedIn-Feed sieht, sieht einen Menschen, dem alles gelingt. Wachstum, Teamkultur, unternehmerische Freiheit. Regelmäßige Posts, die andere inspirieren sollen. Ein Gesicht, das für Erfolg steht.
Und dann gibt es den anderen Markus.
Den, der seit zwei Jahren schlecht schläft. Der morgens Kokain braucht, um in den Tag zu kommen. Der abends ohne zwei, drei Gläser Wein nicht abschalten kann. Der aufgehört hat, Sport zu machen. Dessen Freundschaften längst zu Netzwerkkontakten geworden sind. Der abends allein im Büro sitzt und Posts über unternehmerische Freiheit schreibt, die er selbst nicht mehr glaubt.
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Warum ich das so direkt anspreche

In der Unternehmer- und Führungswelt sind Kokain als Leistungsdroge und Alkohol als Feierabendritual weit verbreiteter, als jeder offen zugeben würde. Beides ist gesellschaftlich fast unsichtbar in diesem Milieu. Ein Glas Wein beim Netzwerkevent fällt niemandem auf. Was davor war, sieht keiner.
Das Kokain hatte irgendwann aufgehört, Markus zu pushen. Es hielt ihn nur noch auf dem Niveau, das er früher ohne hatte. Und der Alkohol abends schaltete nicht mehr ab – er betäubte nur.
Markus hat sich bei mir gemeldet nach einem Abend mit alten Studienkollegen. Jemand hat einen Witz über Burnout gemacht. Markus hat nicht gelacht. Und in diesem Moment hatte er zum ersten Mal gedacht: Der Witz handelt von mir.

Erschöpfung an der Spitze ist kein privates Problem

Was viele Geschäftsführer und HR-Verantwortliche unterschätzen: Erschöpfung an der Spitze einer Organisation bleibt nicht oben. Sie sickert nach unten.
Bei Markus haben in einem Jahr zwei Führungskräfte die Agentur verlassen – beide mit ähnlicher Begründung. Keine klare Richtung, wechselhafte Entscheidungen, das Gefühl, einem Chef nicht mehr folgen zu können. Mal euphorisch, mal abwesend, mal voller Ideen, mal tagelang nicht greifbar. Das Team funktionierte noch, aber die Energie war weg. Und die guten Leute, die Orientierung brauchen, suchen sie sich woanders.
Das kostet. An Talenten, an Energie, an Entwicklung.

Was Markus wirklich antrieb

In meiner Arbeit sehe ich bei Unternehmern häufig einen Antreiber, der besonders gefährlich ist – weil er so verdammt gut funktioniert: Ich bin das, was ich leiste.
Nicht als bewusste Überzeugung, sondern als tief verankertes Identitätsprogramm. Die Firma läuft gut – ich bin gut. Die Firma wächst – ich bin erfolgreich. Ich bin sichtbar – ich existiere.
Das Problem ist nicht der Ehrgeiz. Das Problem ist, dass dieser Mechanismus keinen Feierabend kennt. Kein Ergebnis ist je gut genug, weil das nächste schon wartet. Kein Erfolg fühlt sich dauerhaft an, weil der Wert der eigenen Person immer wieder neu von außen bestätigt werden muss.
Markus hatte gelernt, Leistung mit Wert gleichzusetzen. Solange die Zahlen stimmten, stimmte er. Aber die Zahlen stimmten schon lange nicht mehr mit dem überein, was er innerlich fühlte. Und genau diese Lücke hat er mit Kokain und Alkohol gefüllt. Nicht aus Schwäche – sondern weil er keinen anderen Weg kannte, mit dem Widerspruch umzugehen.

Was die Diagnostik zeigte

Die Befunde lagen auf dem Tisch. Cortisol dauerhaft erhöht – sein Körper war seit Jahren im Alarmmodus. Herzratenvariabilität im kritischen Bereich. Schlafarchitektur massiv gestört, kein Tiefschlaf, keine echte Regeneration. Und Leberwerte, die zeigten, was der tägliche Alkohol über Monate angerichtet hatte.
Das Kokain hatte dabei eine besonders perfide Wirkung: Es unterdrückt das Erschöpfungssignal. Der Körper schickt ein klares Signal – ich brauche Pause – und die Substanz schaltet dieses Signal ab. Markus hatte buchstäblich nicht mehr gemerkt, wie erschöpft er war. Bis der Körper anfing, andere Wege zu finden.
Regeneration war bei Markus deshalb nicht eine Frage von besser schlafen oder mehr Sport. Es war zuerst eine Frage der Entgiftung – körperlich wie psychisch. Erst wenn der Körper wieder Signale senden und empfangen kann, kann echte Erholung beginnen.

Die unsichtbare Einsamkeit erfolgreicher Menschen

Markus hatte keine echten Beziehungen mehr – nur Netzwerkkontakte. Menschen, die ihn als Marke kannten, nicht als Mensch.
Das ist kein Zufall. Je stärker die öffentliche Person wird, desto schwieriger wird es, dahinter noch jemand zu sein. Wer auf der Bühne Stärke zeigt, kann im Backstage nicht mehr Schwäche zulassen. Aber irgendwann gibt es kein Backstage mehr.
Und was passiert dann in der Organisation? Das Team bekommt eine Führungskraft, die nach außen strahlt und nach innen nicht mehr zuhört. Die Entscheidungen trifft, ohne wirklich präsent zu sein. Soziale Verbundenheit ist einer der stärksten Schutzfaktoren gegen Burnout – und gleichzeitig der Faktor, den Führungskräfte unter Druck als erstes opfern.

Der Wendepunkt

Der erste Schritt aus einem solchen Muster ist nicht der Entschluss zur Veränderung. Es ist das ehrliche Hinsehen. Zu sagen: Das bin ich. Nicht das, was ich poste.
Markus hat das in dem Moment getan, in dem er bei diesem Witz nicht gelacht hat.
Was dann folgte, war kein schneller Prozess. Körperliche Stabilisierung zuerst – das war nicht verhandelbar. Keine Arbeit an inneren Mustern, solange der Körper im Krisenmodus ist. Dann die Substanzfrage – offen und ohne Urteil. Markus hat das selbst in die Hand genommen, mit professioneller Begleitung. Und dann die tiefere Arbeit: Was bin ich, wenn die Firma nicht läuft? Wer bin ich, wenn niemand zuschaut?

Wie es Markus heute geht

Markus führt seine Agentur immer noch – aber er führt sie anders. Er hat aufgehört, sie zu performen.
Die LinkedIn-Posts sind seltener geworden, dafür echter. Weniger Erfolgsgeschichten, mehr echte Gedanken. Die Fluktuation im Team hat aufgehört. Nicht weil sich strukturell viel verändert hätte, sondern weil die Leute spüren, dass jemand wieder da ist. Präsent, ansprechbar, echt.
Markus schläft ohne Hilfsmittel. Er trinkt gelegentlich ein Glas Wein, ohne dass es ein Bedürfnis ist. Das Kokain ist weg. Und er hat angefangen, wieder echte Gespräche zu führen – keine Netzwerkgespräche, sondern Gespräche, in denen er zuhört und auch sagt, wenn etwas schwierig ist.
Er hat mir irgendwann gesagt: „Ich dachte, ich muss mein Leben posten, damit es real ist. Heute muss ich es nicht mehr posten, um es zu fühlen."
Das ist kein Satz für LinkedIn. Aber er ist echter als alles, was er in den Jahren zuvor gepostet hat.

Erkennst du dich wieder?

Nicht unbedingt in den Substanzen – aber vielleicht im Muster. Im Gefühl, Erfolge zu produzieren, die sich nicht mehr wie Erfolge anfühlen. In der Lücke zwischen dem, was du nach außen zeigst, und dem, was du nach innen weißt.
Wenn du gerade mehr gibst, als du von dir selbst bekommst – lass uns reden. Du bekommst eine ehrliche Einschätzung – und wir schauen gemeinsam, ob und wie ich helfen kann.
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