Leistungsfähigkeit von Führungskräften: Was es Unternehmen wirklich kostet, wenn sie nachlässt

Anwesenheit ist kein Leistungsnachweis — und das kostet
Wenn eine Führungskraft krankheitsbedingt ausfällt, reagiert das Unternehmen. Vertretung wird geregelt, Aufgaben umverteilt. Der Krankenstand steigt, sichtbar, messbar, unangenehm.

Was kaum jemand registriert: der Zustand davor. Die Phase, in der die Führungskraft noch da ist. Noch funktioniert. Noch Entscheidungen trifft, Gespräche führt, das Team leitet. Aber längst nicht mehr auf dem Niveau, das das Unternehmen braucht, und das sie selbst einmal hatte.

Dieser Zustand hat einen Namen: Präsentismus. Und er ist das teurere Problem.

Anwesenheit ist kein Indikator für Leistungsfähigkeit

Die meisten Unternehmen messen Krankenstand. Das ist das Steuerungsinstrument für Gesundheit im Betrieb. Fehlzeiten-Report, AU-Quote, Rückkehrgespräche. Das alles macht Sinn, greift aber systematisch zu kurz.

Denn Präsentismus — das Arbeiten trotz gesundheitlicher Einschränkung — ist teurer als Absentismus. Zum Vergleich: Lohnfortzahlungen bei krankheitsbedingten Fehlzeiten kosteten deutsche Unternehmen 2024 rund 82 Milliarden Euro. Die Kosten durch Präsentismus werden auf schätzungsweise das Dreifache beziffert. Eine Analyse von Booz & Company kommt auf rund 2.400 Euro Kosten pro Mitarbeiter und Jahr durch Präsentismus, gegenüber 1.200 Euro durch tatsächliche Fehlzeiten.

Das Besondere bei Führungskräften: Sie erscheinen fast nie im Krankenstand. Sie melden sich nicht krank. Sie schleppen sich durch. Aus Pflichtgefühl, aus Überzeugung, weil niemand ihre Arbeit übernehmen kann. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse greifen 21 Prozent der Führungskräfte regelmäßig zu Medikamenten, um arbeitsfähig zu bleiben. Bei Beschäftigten ohne Führungsverantwortung sind es 16 Prozent.
Präsentismus bei Führungskräften kostet Unternehmen mehr als doppelt so viel wie krankheitsbedingte Fehlzeiten — und bleibt im Krankenstand vollständig unsichtbar.
Das Instrument versagt also genau dort, wo es am meisten gebraucht wird.

Der Multiplikatoreffekt: Was oben kippt, kippt durch

Führungskräfte sind keine normalen Kostenstellen. Sie sind Verstärker, in beide Richtungen.

Eine Studie der TU Chemnitz unter Leitung von Arbeitspsychologin Carolin Dietz belegt den Vorbildeffekt: Führungskräfte, die regelmäßig krank zur Arbeit erscheinen, erhöhen zeitversetzt die Fehltage in ihrem Team. Mitarbeitende orientieren sich am Verhalten der Führungskraft. Wenn das Signal lautet "Durchhalten ist der Standard", dann halten sie durch. Bis auch sie ausfallen.

Gallup quantifiziert den Verstärkereffekt anders: 70 Prozent der Varianz im Teamengagement ist direkt dem direkten Vorgesetzten zuzuschreiben. Nicht dem Gehalt. Nicht der Unternehmenskultur im Allgemeinen. Dem direkten Vorgesetzten.
70 Prozent der Varianz im Teamengagement hängen direkt am direkten Vorgesetzten. — Gallup
Was das bedeutet: Eine erschöpfte Führungskraft zieht ihr Team mit. Nicht durch schlechte Absicht, sondern durch reduzierte Präsenz, flachere Kommunikation, schlechtere Entscheidungsqualität. Dinge, die im Tagesgeschäft kaum jemand benennt, aber jeder spürt. Erschöpfte Führungskräfte produzieren nachweislich 37 Prozent mehr Fehlzeiten im Umfeld, 49 Prozent mehr Unfälle und 60 Prozent mehr Fehler und Mängel.

Was international längst als Businessrisiko gilt

Deutschland behandelt das Thema überwiegend als HR-Hygiene. Andernorts ist man weiter.

In Australien und Großbritannien wird nachlassende Leistungsfähigkeit von Führungskräften seit Jahren explizit als strategisches Unternehmensrisiko eingestuft. Deloitte Access Economics beziffert die Kosten schlechter psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz für australische Unternehmen auf rund 39 Milliarden australische Dollar jährlich — mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass Präsentismus auf Führungsebene überproportional dazu beiträgt, weil die Multiplikatorwirkung dort am größten ist.

Harvard Business Review kommt für den US-amerikanischen Markt auf rund 150 Milliarden Dollar jährlich durch Präsentismus und benennt es ausdrücklich nicht als individuelles, sondern als strukturelles Organisationsproblem.

Der Unterschied im Framing ist entscheidend: Nicht "kümmert euch um eure Führungskräfte", sondern "eure Führungskräfte sind eine der teuersten Ressourcen, die ihr habt. Ob ihre Leistungsfähigkeit noch stimmt, ist eine betriebswirtschaftliche Frage."

Der blinde Fleck: Was gemessen wird und was nicht

HR misst Krankenstand. Controlling misst Umsatz und Marge. Niemand erfasst systematisch, ob die Führungskraft noch auf dem Niveau arbeitet, das das Unternehmen braucht.

Dabei wäre es möglich. Entscheidungsqualität lässt sich beobachten. Kommunikationsverhalten verändert sich. Reaktionsmuster werden starrer. Diese Signale sind vorhanden. Sie werden nur nicht als das eingeordnet, was sie sind.

Das liegt auch an einem kulturellen Muster, das im deutschen Mittelstand besonders ausgeprägt ist: Anwesenheit gilt als Leistungsnachweis. Wer da ist, arbeitet. Wer arbeitet, leistet. Diese Gleichung stimmt für Maschinenauslastung. Für Führungsarbeit stimmt sie nicht.

Woran man es erkennt — bevor es zum Ausfall kommt

Erschöpfte Führungskräfte zeigen Muster. Keine Diagnose, aber erkennbare Verhaltensveränderungen, die GF und HR aufmerksam machen sollten:

  • Entscheidungsvermeidung: Themen werden vertagt, delegiert oder im Unklaren gelassen — nicht aus Strategie, sondern weil die kognitive Reserve fehlt.
  • Kommunikationsreduktion: Weniger Austausch mit dem Team, kürzere Antworten, seltener proaktiv — nicht aus Effizienz, sondern aus Erschöpfung.
  • Reizbarkeit bei Kleinigkeiten: Überreaktionen auf operative Details, während strategische Fragen flach bleiben.
  • Leistungsstolz als Warnsignal: "Ich schaffe das schon" — kombiniert mit Schlafproblemen und dem Gefühl, nie wirklich abschalten zu können.
  • Rückzug: Weniger informeller Kontakt, keine kurzen Gespräche auf dem Flur, Mittagessen allein oder gar nicht.
Keines dieser Zeichen bedeutet für sich allein etwas. In Kombination, über Wochen beobachtet, sind sie ein verlässliches Frühwarnsignal. Eine ausführlichere Betrachtung dieser Frühzeichen aus der Perspektive der betroffenen Führungskraft selbst, was sie erlebt, wie sie es rationalisiert, wo die eigenen blinden Flecken liegen, findet sich hier: 
7 Burnout-Frühzeichen, die Führungskräfte konsequent übersehen

Was eine gezielte Diagnostik sichtbar macht

Viele der beschriebenen Muster – Entscheidungsvermeidung, Schlafprobleme, das Gefühl nie wirklich abzuschalten – lassen sich nicht nur beobachten. Sie lassen sich messen.

HRV-Analysen zeigen, wie gut das Nervensystem regeneriert. Schlafprofile machen sichtbar, ob Erholung überhaupt stattfindet. Laborwerte wie Cortisol geben Hinweise auf chronische Stressbelastung, lange bevor ein Arzt Handlungsbedarf feststellt.

Das ist der Unterschied zwischen Coaching und dem Ansatz von jo-vitality: Wir arbeiten nicht mit Selbsteinschätzung allein. Wir arbeiten mit Befunden. Was der Kopf rationalisiert, zeigt der Körper in Zahlen.

Für Führungskräfte, die keine Schwäche eingestehen wollen, ist das oft der entscheidende Einstieg: nicht "ich habe ein Problem", sondern "meine Werte zeigen, dass mein System seit Monaten unter Dauerstress steht". Das ist kein Eingeständnis. Das ist eine Diagnose.

Leistungsfähigkeit erhalten ist kein Soft-Thema

Wer in moderne Maschinen investiert, plant Wartungsintervalle ein. Nicht weil man die Maschine schonen möchte, sondern weil ungeplante Ausfälle teurer sind als geplante Wartung.

Bei Führungskräften denkt kaum ein Unternehmen so. Dabei ist die Logik identisch. Ein Führungskräfte-Ausfall kostet — in Überbrückung, Entscheidungsverzug, Teamstabilität und im Extremfall Rekrutierung — ein Vielfaches dessen, was Burnout-Prävention im Unternehmen kosten würde.

Die Frage ist nicht, ob Unternehmen sich das leisten können, in die Leistungsfähigkeit ihrer Führungskräfte zu investieren. Die Frage ist, ob sie es sich leisten können, es nicht zu tun.

Häufige Fragen

Was kostet ein Führungskräfte-Ausfall das Unternehmen? Die direkten Kosten, Lohnfortzahlung, Überbrückung, Rekrutierung, sind messbar, aber nur ein Teil des Bildes. Der größere Schaden entsteht vorher: durch nachlassende Entscheidungsqualität, sinkende Teamperformance und den Vorbildeffekt auf Mitarbeitende. Studien zeigen, dass erschöpfte Führungskräfte 37 Prozent mehr Fehlzeiten im Team produzieren und 60 Prozent mehr Fehler und Mängel verursachen, lange bevor sie selbst ausfallen. Eine detaillierte Kostenkalkulation für den Mittelstand findet sich hier: Was ein Burnout-Ausfall wirklich kostet

Woran erkennt man eine erschöpfte Führungskraft, bevor es zum Ausfall kommt? Die zuverlässigsten Frühzeichen sind verhaltensbasiert: zunehmende Entscheidungsvermeidung, Rückzug aus informellen Kontakten, Reizbarkeit bei operativen Kleinigkeiten kombiniert mit Flachheit bei strategischen Fragen. Wichtig: Keines dieser Zeichen ist für sich allein aussagekräftig. Erst das Muster über mehrere Wochen gibt Hinweise. Die sieben häufigsten Frühzeichen aus der Perspektive der Betroffenen: 7 Burnout-Frühzeichen, die Führungskräfte konsequent übersehen

Was ist der Unterschied zwischen Burnout und Präsentismus bei Führungskräften? Burnout ist ein klinischer Erschöpfungszustand — das Ende einer langen Entwicklung. Präsentismus ist der Zustand davor: die Führungskraft ist anwesend, aber nicht mehr voll leistungsfähig. Genau dieser Zustand bleibt in Unternehmen am längsten unbemerkt, weil er im Krankenstand nicht sichtbar wird. Es ist deshalb betriebswirtschaftlich das teurere Problem.
Nachlassende Leistungsfähigkeit zeigt sich in Mustern. Wer weiß, wonach er schauen muss, erkennt sie früh genug. → Zur Übersicht der HERO-Programme
Autor: Jens Olberding Systemischer Coach & Therapeut, spezialisiert auf Burnout-Prävention und nachhaltige Leistungsfähigkeit für Führungskräfte im Mittelstand. Gründer von jo-vitality. → Mehr über Jens Olberding Veröffentlicht: 1.3.2026 | Zuletzt aktualisiert: März 2026

Quellen: Booz & Company / Statista: Präsentismuskosten Deutschland | Techniker Krankenkasse: Präsentismus in einer zunehmend mobilen Arbeitswelt | Gallup Engagement Index Deutschland | Carolin Dietz, TU Chemnitz: Vorbildeffekt bei Präsentismus | Gallup / HBR: Fehlzeiten, Unfälle, Fehler durch geringes Engagement