Der Chef, den alle mochten – und wie ihn das fast zerstört hat
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Was in dieser Folge steckt
Thomas war der Geschäftsführer, den wirklich alle mochten. 90 Mitarbeiter, kein schlechtes Wort. Er kannte die Namen der Kinder seiner Leute, blieb länger wenn jemand Hilfe brauchte, vermied jeden Konflikt. Er war kein Chef – er war fast ein Freund.
Bis sein Körper das tat, was er selbst nicht konnte: stoppen.
Zwei Wochen Krankenhaus. Die Hochzeit seines Bruders verpasst. Das Handball-Finale seiner zwölfjährigen Tochter verpasst. Das waren die Momente, in denen man zum ersten Mal wirklich verstand, was ihn das gekostet hatte.
Burnout sieht nicht immer aus wie Burnout
Thomas war nicht der Mann, der weinend am Schreibtisch sitzt. Er war funktional, erfolgreich, immer ansprechbar. Genau das ist das Tückische an dieser Form der Erschöpfung: Sie tarnt sich als Engagement, als Verantwortungsbewusstsein, als Stärke.
Was wirklich passiert, ist ein schleichender Prozess. Die Energiereserven werden kleiner, die Regeneration funktioniert nicht mehr. Der Körper sendet Signale – Schlafprobleme, Reizbarkeit, körperliche Anspannung – die weggeschoben werden, weil die Firma ja nicht wartet.
Bei Thomas hat der Körper irgendwann die Entscheidung selbst getroffen.
Das eigentliche Problem: Harmonie als Führungsprinzip
Thomas hatte nicht verlernt zu führen. Er hatte verlernt, Nein zu sagen. Nicht weil er schwach war, sondern weil er tief überzeugt war: Meine Aufgabe ist es, dass es allen gut geht. Harmonie bedeutet kein Konflikt. Führung bedeutet, gemocht werden.
Was er nicht sah: Wenn der Druck irgendwann zu groß wurde, explodierte er. Verbale Ausraster, die hinterher niemand ansprechen wollte – weil er ja eigentlich so ein Netter war. Die Mitarbeiter sahen es ihm nach und lernten dabei unbewusst: Bei Thomas gibt es keine Grenzen. Man kann nehmen.
Die Ironie: Thomas dachte, er schützt die Beziehung, indem er Konflikte vermeidet. In Wirklichkeit hat er sie nur aufgestaut. Und wenn der Druck groß genug war, kam er raus – unkontrolliert, verletzend. Genau das, was er am meisten vermeiden wollte.
Wer keine Grenzen zieht, zwingt andere dazu, sie zu testen. Nicht aus Bosheit, sondern weil Menschen Orientierung brauchen.
Was die Diagnostik zeigte
Als wir starteten, hatte Thomas frische Laborwerte aus dem Krankenhaus. Cortisol dauerhaft erhöht. Herzratenvariabilität im Keller. Schlafarchitektur gestört. Sein Körper hatte monatelang Alarm geschlagen – nur hatte niemand hingehört, er selbst am wenigsten.
Das ist der Moment, in dem viele denken: Jetzt kommt das große Programm, die Auszeit, der Neustart. Aber so funktioniert nachhaltige Veränderung nicht. Zumindest nicht nach meiner Erfahrung.
Der Weg zurück – vier Schritte
In meiner Arbeit orientiere ich mich an vier Ebenen, die ich HERO nenne. Nicht als Heldenversprechen, sondern als Orientierung für den Weg zurück zur eigenen Wirksamkeit.
Haltung: Bei Thomas lautete die tiefe Überzeugung: Ich bin wertvoll, wenn ich gebraucht werde. Wenn alle zufrieden sind. Das klingt harmlos – aber es ist eine Überzeugung, die einen Menschen systematisch leer macht.
Energiequellen: Was lädt Thomas wirklich auf? Nicht was er glaubt, was gut für ihn sein sollte – sondern was tatsächlich Energie gibt. Für Thomas war es Bewegung, frühmorgens allein. Und echte Gespräche. Beides hatte er seit Monaten nicht mehr gehabt.
Resilienz: Nicht im Sinne von Härte und Durchhalten, sondern die Fähigkeit, mit Druck umzugehen ohne sich selbst dabei zu verlieren. Für Thomas bedeutete das: Konfliktfähigkeit entwickeln. Lernen, dass ein klares Nein keine Ablehnung ist.
Orientierung: Wo will Thomas eigentlich hin? Was ist ihm wirklich wichtig – jenseits der Firma, jenseits der Erwartungen anderer? Das ist oft die unbequemste Frage. Und die wichtigste.
Der Wendepunkt
Als wir das erste Mal zusammensaßen, sagte Thomas einen Satz, den ich nicht vergessen habe:
„Ich habe immer gedacht, ich bin der Klebstoff in der Firma. Aber vielleicht bin ich das Leck."
Das war sein Wendepunkt. Nicht die Diagnose, nicht die zwei Wochen Krankenhaus. Dieser eine Satz.
Wie es Thomas heute geht
Thomas führt seine Firma noch. Die 90 Leute sind noch da – aber die Dynamik hat sich verändert. Er wird immer noch gemocht, nur aus anderen Gründen als früher. Nicht weil er es jedem recht macht, sondern weil man ihm vertrauen kann.
Er schläft wieder durch. Er hat klare Zeiten, in denen er erreichbar ist. Und er hat gelernt, Konflikte anzusprechen, bevor sie sich aufstauen.
Und seine Tochter? Die spielt nächste Saison hoffentlich wieder im Finale – und das wird Thomas sich nicht noch einmal entgehen lassen.
Erkennst du dich wieder?
Wenn du gerade mehr gibst, als du von dir selbst bekommst – lass uns reden. Du bekommst eine ehrliche Einschätzung – und wir schauen gemeinsam, ob und wie ich helfen kann.